Perspektive
zur Debatte vom 31. März 2026
Sollte man ChatGPT boykottieren? Contra
Der ChatGPT-Boykott trifft nicht das eigentliche Problem
Die Perspektive in 30 Sekunden
Für Raffaele Ciriello ist das Löschen von ChatGPT lediglich eine bequeme Form des Protests. Denn die eigentlichen Machtstrukturen, auf denen ChatGPT und andere Chatbots beruhen, bleiben seiner Ansicht nach auch trotz eines solchen Protests bestehen. Statt nur eine App zu löschen, plädiert der Dozent für Wirtschaftsinformatik in der Online-Zeitschrift INDEPENDENT AUSTRALIA dafür, das ganze System umzubauen, um die digitale Infrastruktur als öffentliches Gut zurückzugewinnen.
Ciriello sieht keine moralisch richtige Alternative zu ChatGPT. Auch andere Tech-Unternehmen wie Google und Microsoft stellen dem Professor zufolge verschiedenste KI-Anwendungen und Infrastruktur für Militär und Geheimdienste bereit. Elon Musks Chatbot Grok habe wiederholt rechtsextreme Aussagen verbreitet und Meta begünstige Hassreden und psychische Krankheiten auf seinen Plattformen Facebook und Instagram. Selbst Anthropic werde weiterhin in US-Militäreinsätzen genutzt. Laut dem Autor müssen wir uns deshalb in einer von wenigen Konzernen beherrschten Welt zurechtfinden, die „mittlerweile die moderne Gesellschaft stützt – von Kommunikation und Handel bis hin zu Politik und Kriegsführung“.
„Die Kündigung eines Chatbot-Abonnements mag zwar ein flüchtiges Gefühl moralischer Überlegenheit vermitteln, trägt jedoch in keiner Weise dazu bei, die Probleme anzugehen, die diese Technologien hervorgebracht haben“, stellt Ciriello klar. Stattdessen plädiert der Professor dafür, die politischen und wirtschaftlichen Strukturen zu ändern, die diese Probleme erst ermöglicht haben. Er nennt eine konsequente Durchsetzung des Kartellrechts und eine Besteuerung von Unternehmensmonopolen. Ciriello spricht sich außerdem für eine öffentliche digitale Infrastruktur und demokratische Programme und Plattformen aus, die weniger auf wirtschaftlichen Gewinn aus sind.
Anmerkung der Redaktion
Raffaele Ciriello ist Dozent für Wirtschaftsinformatik an der Universität Sydney. Außerdem ist er Herausgeber der Rubrik „Debates“ in der Online-Fachzeitschrift COMMUNICATION OF THE ASSOCIATION FOR INFORMATION SYSTEMS (CAIS). Ciriello hat Informationssysteme in Stuttgart studiert und an der Universität in Zürich promoviert.
INDEPENDENT AUSTRALIA (IA) ist eine unabhängige australische Online-Zeitschrift, die sich den Schwerpunkten Politik, Demokratie, Umwelt, australische Geschichte und australische Identität widmet. Die Zeitschrift beschreibt sich selbst als progressiv und setzt sich eigenen Angaben zufolge für „Freiheit und Gerechtigkeit für den Einzelnen“ ein. Sie soll als Gegenstimme zu den großen konservativen Medien in Australien fungieren. IA ist eines der größten unabhängigen Nachrichtenportale in Australien. Laut den Angaben einer parlamentarischen Einrichtung ist IA eine nicht gewinnorientierte Zeitschrift, die sich durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Gegründet wurde INDEPENDENT AUSTRALIA im Jahr 2010 von David Donovan. Er ist bis heute Herausgeber der Zeitschrift. Chefredakteurin ist Michelle Pini. Laut eigenen Angaben verfolgt IA das Ziel, qualitativ hochwertigen investigativen Journalismus zu fördern und eine Vielzahl von Stimmen zu präsentieren.
Originalartikel
Quitting ChatGPT changes nothing: You can't 'unsubscribe' from techno-fascism
INDEPENDENT AUSTRALIA
Raffaele Ciriello 20.03.2026 ·
4 Minuten ·
Englisch
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🔓 Zum Redaktionsschluss war der Originalartikel frei verfügbar