Perspektive
zur Debatte vom 23. Februar 2022
Hat der Westen im Umgang mit Russland versagt? Pro
Deutschland und Frankreich haben zu sehr auf die NATO-Osterweiterung bestanden
Die Perspektive in 30 Sekunden
Der emeritierte Politologe August Pradetto verurteilt den Einmarsch Russlands in der Ostukraine scharf. Im Interview mit dem RBB INFORADIO kritisiert er allerdings auch die westlichen Staaten: Sie hätten nicht so stark an der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine festhalten müssen, meint Pradetto.
Der Politologe erinnert: Bereits 2007 habe Russland „in aller Deutlichkeit“ klargemacht, dass sie eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine nicht akzeptieren würden. Natürlich habe jedes souveräne Land das Recht, über die eigene Bündnis-Mitgliedschaft zu entscheiden. „Aber man muss natürlich auch klug genug sein, solche Situationen nicht unbedingt heraufzubeschwören“, findet Pradetto. Aus seiner Sicht habe es nie eine „unbedingte Notwendigkeit“ gegeben, weder für die USA, noch für die Deutschland oder Frankreich, eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine zu forcieren.
Trotzdem wurde das Verhältnis zwischen den USA und der Ukraine seit 2014, nach der Annexion der Krim, immer enger, erinnert Pradetto. Und dann sei die NATO-Mitgliedschaft schließlich als Ziel in die ukrainische Verfassung mit aufgenommen worden, was von den USA immer unterstützt worden sei. Diese Schritte hält Pradetto für einen strategischen Fehler des Westens. Zudem wünscht Pradetto sich, dass Deutschland und Frankreich sich klarer positioniert hätten: Sie hätten klarmachen müssen, dass in den nächsten zwei Jahren nicht mit einem NATO-Beitritt der Ukraine zu rechnen sei. Pradetto bilanziert daher: Nicht zuletzt wegen dieser strategischen Blindheit sei der Westen im Umgang mit Russland gescheitert.
Anmerkung der Redaktion
Prof. Dr. August Pradetto ist ehemaliger Professor für Politikwissenschaft, insbesondere für auswärtige und internationale Politik osteuropäischer Staaten. Er promovierte an der Freien Universität Berlin, dort arbeitete er lange Zeit unter anderem als Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Politikwissenschaft. 1992 arbeitete Pradetto an der Helmut-Schmidt-Universität, also der Universität der Bundeswehr Hamburg am Institut für Internationale Politik mit dem Fokus auf osteuropäische Staaten. 2014 wurde er emeritiert, trat also in den Teil-Ruhestand. Seit 2004 ist August Pradetto außerdem Herausgeber der Buchreihe „Strategische Kultur Europas“ der Peter-Lang-Verlagsgruppe.
Das INFORADIO ist Teil der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt RUNDFUNK BERLIN-BRANDENBURG (RBB). Es ist 1995 als Kooperationsmodell des ORB und des SFB nach dem Vorbild des BAYRISCHEN RUNDFUNKS gegründet worden. Das INFORADIO ist das Nachrichtenprogramm des RBB und sendet neben Nachrichten sowie Wetter- und Verkehrsservice auch Interviews, Hintergrundberichte und Kommentare. Das Programm besteht ausschließlich aus Wortbeiträgen. Ziel ist es, die Hörenden innerhalb von kurzer Zeit komplett auf den aktuellen Stand der Nachrichtenlage zu bringen, unabhängig davon, wann eingeschaltet wird. Dafür sendet das Programm alle 20–30 Minuten die aktuellsten Nachrichten, dazwischen wechseln die Themenblöcke Sport, Wirtschaft und Kultur. Programmchefin des INFORADIOS ist seit 2021 die Journalistin Stephanie Pieper, die zuvor unter anderem als ARD-Korrespondentin in London und stellvertretende Programmchefin von NDR Kultur tätig gewesen ist. Laut der Erhebung „MA audio 2025 II“ hat das INFORADIO eine wöchentliche Reichweite von rund 300.000 Hörer:innen. Die Website des INFORADIOS verzeichnete im April 2026 rund 152.500 Besuche (Quelle: Similarweb).
Originalartikel
Politologe zur Ukraine-Krise: "Deutschland und Frankreich haben sich nicht klar genug positioniert"
INFORADIO
August Pradetto 22.02.2022 ·
7 Minuten ·
Deutsch
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