Perspektive
zum Tagesthema vom 26. August 2024
AfD bleibt vor Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen in Umfragen vorn Analyse
Die AfD sollte ernst und vor allem beim Wort genommen werden
Die Perspektive in 30 Sekunden
Alle öffentliche Mobilisierung gegen die AfD habe so wenig genutzt wie die vielen Analysen, die nachweisen, dass die AfD zwar starke Parolen, aber keine zukunftsweisenden Ideen habe, stellt der Publizist Thomas Schmid bei der WELT fest. Sein Urteil daraus: „Dieser Auftrieb stellt den anderen Parteien – und zwar allen – kein gutes Zeugnis aus.“
Wenn die AfD-Partei- und Fraktionsvorsitzende Alice Weidel im Bundestag ihre fundamentalistischen Angriffsreden halte, gebe man sich auf der Regierungsbank betont desinteressiert oder gar höhnisch. Für Schmid war und ist das ein Fehler. „Die AfD wird von einer großen Zahl von Bürgerinnen und Bürgern demokratisch gewählt“, erinnert er. „Deswegen sollte sie ernst und vor allem beim Wort genommen werden.“ Brandmauern helfen da seiner Ansicht nach nicht weiter.
Da die AfD gerade nach der Macht greifen wolle, hält es der WELT-Autor für einen günstigen Moment, sich Stück um Stück mit den symbolpolitischen oder unsinnigen Forderungen der Partei auseinanderzusetzen – und sie auf den Boden der komplexen Tatsachen zu holen. „Das Gros der Funktionäre wird das nicht überzeugen“, so Schmid. „Einen Teil der AfD-Wählerschaft vielleicht aber schon.“
Anmerkung der Redaktion
Thomas Schmid ist Journalist und ehemaliger Herausgeber und Chefredakteur der WELT. Er war in den 1968er Jahren Teil der linken Studentenbewegung und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS. Später wurde er Redakteur bei der TAZ und der ZEIT, in den Neunzigerjahren und frühen 2000ern dann bei der WELT und der FAZ. Dass Schmid als ehemaliger linker Aktivist Korrespondent und ab 2006 Chefredakteur der WELT wurde – als Teil des Axel-Springer-Verlages ein Feindbild der 68er-Bewegung – wurde in der Öffentlichkeit breit thematisiert. DIE ZEIT charakterisierte Schmid als Grenzgänger und eigentlich „profilierten Intellektuellen aus dem linksradikalem Milieu“. Die TAZ schrieb über ihn, Schmid sei bei der WELT als Chefredakteur mit dem Ziel angetreten, das Blatt wieder liberaler zu gestalten. Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke kritisierte Schmid dafür, dass er rechtsradikale Gewalt verharmlose.
DIE WELT ist eine überregionale Tageszeitung mit Sitz in Berlin. Sie wurde 1946 gegründet und erschien im vierten Quartal 2025 in einer verkauften Auflage von rund 90.000 Exemplaren. Die Auflagenzahl ist damit im Vergleich zu 2024 stark eingebrochen. Gleichzeitig gehörte die Website der WELT im März 2026 mit rund 90,5 Millionen Besuchen zu den meistbesuchten Nachrichten-Websites in Deutschland. Die politische Ausrichtung der WELT gilt als bürgerlich-konservativ. In ökonomischen Fragen positioniert sich die Zeitung meist wirtschaftsliberal. Das Goethe-Institut urteilt, DIE WELT ziele in ihrer Printausgabe auf „mittelständische Unternehmer und Selbstständige, die konservative Werte schätzen“. WELT-Autor:innen bekennen sich zu den Leitlinien des Axel-Springer-Verlages, die unter anderem ein Eintreten für „die freie und soziale Marktwirtschaft“ sowie Solidarität mit den USA und Israel fordern. DIE WELT hat bereits mehrfach Rügen vom Deutschen Presserat erhalten, weil in einigen Artikeln journalistische Grundsätze verletzt wurden. Immer wieder wird außerdem Kritik laut, dass die WELT mit ihrer Berichterstattung verschwörungstheoretische oder rechtsextremistische Narrative bedient – so etwa mit klimaskeptischer Positionierung. Zwei Monate vor der Bundestagswahl 2025 veröffentlichte die WELT AM SONNTAG einen Gastartikel des US-Techmilliardärs Elon Musk, in dem dieser für die AfD warb. Das sorgte für heftige Proteste, auch innerhalb der Zeitung, bei denen es auch zu Protestkündigungen kam. Zur Welt-Gruppe gehören außerdem der Fernsehsender WELT (früher N24) und die WELT AM SONNTAG. Sie gehören seit 2026 zur PREMIUM-GRUPPE, der auch POLITICO und BUSINESS INSIDER angehören. Ihr Chefredakteur ist Helge Fuhst, der Herausgeber Ulf Poschardt. Die PREMIUM-GRUPPE gehört dem Axel-Springer-Konzern, zu dem auch Titel wie die BILD-Zeitung und die regionale B.Z. gehören.
Originalartikel
Die AfD sollte ernst und vor allem beim Wort genommen werden
DIE WELT
Thomas Schmid 25.08.2024 ·
3 Minuten ·
Deutsch
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