Perspektive
zur Debatte vom 03. März 2022
Kulturkrieg um Star-Dirigent Gergijew: Ist es richtig, russische Künstler wegen Putins Krieg zu boykottieren? Pro
Es geht nicht um Politik – sondern um Humanismus
Die Perspektive in 30 Sekunden
Musikjournalist Axel Brüggemann fordert von russischen Kulturschaffenden, dass sie sich klar gegen den Angriffskrieg von Wladimir Putin positionieren. Tun sie das nicht, solle man sie boykottieren, meint er im Interview mit der bulgarischen Moderatorin Raliza Nikolov im NDR.
Für Brüggemann ist wichtig, zwischen Politik und Humanismus zu unterscheiden. Ein Künstler könne konservativ sein oder links; „Parteipolitik“ spiele für seine Kunst keine Rolle. „Er kann sogar linksradikal sein“, meint Brüggemann. Er könne denken, was er will; das gehöre nicht aufs Podium, stellt der Musikjournalist klar. Aber, was aus seiner Sicht nicht geht, ist, dass ein Künstler grundlegende humanistische Werte missachte. Wenn jemand Kriegsverbrechen unterstütze und die Ächtung von Homosexuellen, dann ist für Brüggemann der Bogen überspannt. Und da hält er einen Boykott für angemessen.
Deshalb ist es in Brüggemanns Augen richtig, dass Waleri Gergijew jetzt von der Stadt München nicht mehr beschäftigt wird. Denn Gergijew stelle sich seit Jahren bewusst hinter eine „diktatorische Kriegspolitik“. Er heiße die homophoben Gesetze in Russland gut, er habe sich hinter Putin gestellt, als der 2014 in die Krim einmarschiert ist und er habe auch bereits während des Syrien-Kriegs ein Konzert zu Ehren vom syrischen Diktator Baschar Assad gehalten. Auch jetzt stelle er sich nicht gegen den Krieg in der Ukraine. Dieser Mann lebe „von Putins Gnaden“ und das müsse man angesichts der aktuellen Situation nicht weiter mittragen. Wir haben das Spiel lange genug mitgespielt, findet Brüggemann.
Anmerkung der Redaktion
Axel Brüggemann Musikjournalist und Moderator. Brüggemann hat Geschichte, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg studiert. Währenddessen hat er unter anderem für DIE WELT und die FRANKFURTER RUNDSCHAU geschrieben. Bei der WELT AM SONNTAG war Brüggemann bis 2006 Textchef, anschließend hat er die Chefredaktion des Klassik-Magazins CRESCENDO übernommen. Außerdem schreibt er für die FAZ, den STERN und CICERO. Als Drehbuchautor, Regisseur und Moderator ist er für einige öffentlich-rechtliche Sender aktiv und produziert Musikdokumentationen wie „Beethovens Bestseller – für Elise“ auf ARTE. Brüggemann hat einige Bücher mit Klassik-Künstler:innen geschrieben, aber auch zu politischen Themen.
Raliza Nikolov ist eine bulgarische Moderatorin und Musikerin. Seit 1996 ist sie beim NDR, erst als freie Mitarbeiterin, später als Sprecherin für Nachrichten und das ARD-Nachtkonzert. Aktuell moderiert sie überwiegend bei NDR Kultur, begleitet Live-Übertragungen der NDR Radiophilharmonie und des NDR Elbphilharmonie Orchesters und moderiert die Literatur-Sendung „Das Gemischte Doppel“. Auch für einige Musiksendungen des DEUTSCHLANDFUNK und WDR3 arbeitet sie. Darüber hinaus moderiert sie Konzertveranstaltungen und führt Gespräche mit Künstler:innen. Nikolov hat am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg studiert. Sie war Mitglied im Hamburger Barockorchester, heute spielt sie im Norddeutschen Barock-Collegium.
Der NORDDEUTSCHE RUNDFUNK (NDR) ist eine gemeinsame Landesrundfunkanstalt für die Freie und Hansestadt Hamburg sowie für die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Er ist Teil der öffentlich-rechtlichen ARD und entstand 1954 durch die Spaltung des NWDR in NDR und WDR. Der NDR trägt einen beträchtlichen Teil zum ARD-Fernsehprogramm DAS ERSTE bei, in seinen Studios wird etwa die TAGESSCHAU produziert. Der NDR unterhält ein Fernsehprogramm sowie Radioprogramme, darunter NDR 2, NJOY, NDR 90,3, das Hamburg Journal und NDR 1. Die Website des NDR verzeichnete im April 2026 ca. 44,9 Millionen Besuche (Quelle: Similarweb). Der Sender hat seinen Sitz in Hamburg, Intendant ist Hendrik Lünenborg. Zudem bildet der NDR gemeinsam mit dem WDR und der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG eine Recherchekooperation, die beispielsweise die Panama-Papers für Deutschland aufbereitet hat. 2022 wurde intern kritisiert, dass politische Berichterstattung beim NDR gefiltert oder beeinflusst werde und ein angespanntes Arbeitsklima herrsche. Der NDR ließ die Vorwürfe prüfen, konnte laut eigener Untersuchung jedoch keinen systematischen politischen Einfluss nachweisen. 2025 sorgte ein Konflikt über die Moderatorin Julia Ruhs aus dem Format „Klar“ für Spannungen: Das Format von NDR und BR sollte gezielt auch konservativere Perspektiven stärker einbeziehen, stieß intern jedoch auf heftige Kritik. Mehr als 250 Mitarbeitende distanzierten sich öffentlich. Schließlich beendete der NDR die Zusammenarbeit mit Ruhs, was eine breite Debatte über Meinungsvielfalt und den Umgang mit internen Konflikten auslöste.
Originalartikel
Valery Gergiev und Anna Netrebko: Zu lange mitgespielt?
NORDDEUTSCHER RUNDFUNK (NDR)
Axel Brüggemann
Raliza Nikolov 01.03.2022 ·
6 Minuten ·
Deutsch
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