Perspektive
zum Tagesthema vom 27. Mai 2020
Kriminalstatistik 2019: Zahl politisch motivierter Straftaten nimmt um 14 Prozent zu Hintergrund
Gibt es einen "Relativierungs-Reflex“ gegenüber linken Straftaten?
Die Perspektive in 30 Sekunden
In einem Pro-Contra-Text streiten die beiden ZEIT-Autoren Martin Machowecz und Daniel Müller über die Frage, ob wir mit Linksradikalen nachsichtiger umgehen als mit Rechtsradikalen. Machowecz meint: Ja! In Bezug auf linksextremistische Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz, bei der ein Polizist zu Silvester verletzt worden war, spricht er von einem „einen Relativierungs-Reflex“ in der deutschen Öffentlichkeit. „Gibt es linksmotivierte Ausschreitungen oder Gewalttaten, wird – vonseiten linker Politiker, aber auch mancher Journalisten – entweder geschwiegen. Oder rasch nach entlastenden Argumenten gesucht“, schreibt Machowecz. Bei Rechtsextremismus sei das hingegen zu Recht unvorstellbar.
Zwar sieht er den Rechtsextremismus als „das wahre Problem dieses Landes“. Linksextremismus sei dennoch kein Gegengift. „Vor allem werden die Gewalttäter aus diesem Spektrum immer brutaler“, betont Machowecz.
Sein Kollege Daniel Müller widerspricht: Der Rechtsstaat bestrafe linksradikale Täter besonders streng, schreibt er. Zu Zeiten der RAF sei der Rechtsstaat an seine Grenzen und darüber hinaus gegangen, betont Müller. „Es wurden die Rechte von Verteidigern beschnitten, härtere Gesetze erlassen, Menschen eingesperrt, die nur Sympathie für die RAF bekundet hatten“, schreibt Müller.
Der Rechtsstaat habe allerdings bisher nicht bewiesen, dass er mit ebenso harter Hand gegen rechte Gewalttäter vorgeht. Zur These des „Relativierungs-Reflexes“, den sein Kollege sieht, meint Müller: Linke Parteien heben eben eher rechtsextremistische Straftaten hervor und Parteien wie die AfD besonders linksextremistische. Politische Kräfte auf beiden Seiten ignorierten Gewalt im jeweils eigenen Lager. Müller kritisiert das, aber es verwundert ihn nicht. Denn: „Von einem Rind kann man nur Rindfleisch erwarten.“
Anmerkung der Redaktion
Martin Machowecz ist Journalist und stellvertretender Chefredakteur der ZEIT. Zuvor hatte er unterschiedliche Postionen inne, wie die Leitung des Streit-Ressorts und die Leitung des Leipziger Korrespondentenbüros und der Ausgabe ZEIT im Osten. Machowecz hat Politik studiert und die Ausbildung an der deutschen Journalistenschule in München absolviert.
DIE ZEIT ist die größte deutsche Wochenzeitung und hat ihren Sitz in Hamburg. Sie zählt zu den deutschen Leitmedien und hat damit bedeutenden Einfluss in der Medienlandschaft. DIE ZEIT erscheint seit 1946 und wurde zunächst als rechtskonservatives Blatt ausgelegt. Erst in den 1960er Jahren wurde die Wochenzeitung als liberales Medium ausgerichtet. In gesellschaftspolitischen Fragen gilt DIE ZEIT als grundsätzlich (links-)liberal, hat allerdings auch viele Gastbeiträge aus dem gesamten Meinungsspektrum oder stellt Beiträge mit gegensätzlichen Meinungen gegenüber. Der NDR urteilt, DIE ZEIT gelte als „Blatt der Akademiker und Intellektuellen“ – und sei damit durchaus erfolgreich. Tatsächlich gehört DIE ZEIT zu den wenigen deutschsprachigen Printmedien, die seit der Digitalisierung an Auflage gewonnen haben. Zuletzt lag die verkaufte Auflage bei rund 625.000 Exemplaren (IVW Q4/2025). Die Website der ZEIT hatte im März 2026 55,5 Millionen Aufrufe (Quelle: Similarweb). 2021 veröffentlichte DIE ZEIT einen Gastbeitrag des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Darin plädierte er für eine engere Kooperation zwischen Russland und Europa, übte jedoch zugleich deutliche Kritik an NATO und Europäischer Union. Die Veröffentlichung löste eine breite Kontroverse aus; insbesondere wurde die Zeitung dafür kritisiert, dem russischen Präsidenten eine Plattform zu bieten. Die ZEIT hat mehrere Podcasts, darunter sehr erfolgreiche Reihen wie „Alles gesagt?“ und „ZEIT Verbrechen“. Chefredakteure sind Jochen Wegner und Giovanni di Lorenzo, der auch Mitherausgeber des TAGESSPIEGELS ist. Die Zeitung erscheint im Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, dessen Eigentümer zu unterschiedlichen Teilen der Holtzbrinck-Familie angehören. Die DvH Media Group, die 50 Prozent der Anteile am Zeitverlag hält, besitzt außerdem die Titel HANDELSBLATT, WIRTSCHAFTSWOCHE und den TAGESSPIEGEL.
Originalartikel
Sind wir mit Linksradikalen nachsichtiger als mit Rechtsradikalen?
DIE ZEIT
Martin Machowecz
Daniel Müller 15.01.2020 ·
6 Minuten ·
Deutsch
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