Perspektive
zur Debatte vom 07. Dezember 2025Sollten Lieder und Leben des Rappers Haftbefehl im Schulunterricht behandelt werden?
Wie Haftbefehl zum Sprachrohr der migrantischen Jugend wurde
Die Perspektive in 30 Sekunden
Martin Seeliger ist ein deutscher Soziologe und Autor. Er hat selbst zum Thema Gangster-Rap publiziert. Im Interview mit der Nachrichtenagentur DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR (DPA) erklärt er, wie der Rapper Haftbefehl zum Sprachrohr der migrantischen Jugend wurde. Das Interview ist unter anderem beim Nachrichtenmagazin STERN erschienen.
Laut Seeliger hat Haftbefehl demnach den Stil geprägt, indem er verschiedene Sprachen gemischt hat. So rappte er über das Leben auf der Straße, über Drogengeschäfte und Kriminalität – und zwar in einer eigentümlichen Mischung aus Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Deutsch. Damit transportierte er laut Seeliger die Sprache der sozialen Brennpunkte eins zu eins in seine Musik. „Haftbefehl ist mit seiner Geschichte und seinen Erfahrungen nicht allein“, sagt Seeliger. Dabei verweist er auf die vielen jungen Menschen in den Brennpunktvierteln, die sich mit dem Rapper identifizieren. „Er will das transparent und sichtbar machen, was er erlebt hat und wie er gelitten hat.“ Anders als andere Gangster-Rapper geht Haftbefehl laut Seeliger auch sehr offensiv mit seiner Geschichte um.
Zwar kann man allein aus der aktuellen Doku nicht schließen, dass junge Migranten alle so leben, meint Seeliger und blickt dabei auf Haftbefehls Leben als krimineller und drogensüchtiger Außenseiter. Aber ihm zufolge haben viele junge Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Dieses Gefühl kommt oft, wenn sie in der Schule oder auf der Arbeit ausgeschlossen werden. „Aus dieser Grundhaltung schaffen sich junge Migranten mit Vorbildern wie Haftbefehl einen Rahmen, mit dem sie stolz auf das sein können, was sie sind“, so Seeliger.
Anmerkung der Redaktion
Martin Seeliger ist ein deutscher Soziologe und Autor. Er leitet die Abteilung Wandel der Arbeitsgesellschaft an der Universität Bremen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politische Soziologie, Arbeitsbeziehungen und Cultural Studies. Seeliger gehört zu den Herausgebern des im Juli 2023 erstmals erschienenen JOURNAL OF POLITICAL SOCIOLOGY. Privat ist er auch als Punk-Musiker aktiv.
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Martin Seeliger