Perspektive
zum Tagesthema vom 28. Februar 2025
🗳 Sondierungsgespräche zwischen CDU und SPD haben begonnen Ausblick
Nicht nur die Politik ist in der Pflicht – sondern auch die Bürger
Die Perspektive in 30 Sekunden
Das aktuelle politische Klima, auch jetzt nach den Wahlen und vor der Regierungsbildung, sei von Misstrauen geprägt, meint Mareen Linnartz. Sie blickt aber in einem anderen Licht auf die Situation: „Viele Menschen erwarten von den Regierenden nur noch wenig. Dabei wird jedoch eines übersehen: dass auch die Bürger selbst in der Pflicht stehen“, schreibt die Redakteurin bei der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Sie appelliert an die Bürger:innen, ihre eigene Verantwortung gegenüber dem Staat ernst zu nehmen.
Ständig werde unter Politiker:innen davon gesprochen, dass der Staat das Vertrauen seiner Bürger zurückgewinnen müsse. Doch Vertrauen beruhe auf Gegenseitigkeit, es sei eine gegenseitige stumme Vereinbarung, erinnert die Redakteurin. „Auch der Staat, weil er nicht alles kontrollieren kann und will, vertraut nämlich seinen Bürgern und Bürgerinnen. Auch er geht da in Vorleistung“. Doch diese Vorleistung werde wiederum vonseiten der Bürger:innen ausgenutzt: Etwa entziehe man sich mit allerhand Tricks den staatlichen Steuern; man stelle Schwarzarbeitende an und verkaufe private Treffen als Geschäftsessen, so Linnartz.
Natürlich seien solche kleineren Vergehen nicht vergleichbar mit politischen Debakeln, die Schäden in Millionenhöhe verursachen, räumt die Redakteurin ein. Und doch: „Wer von Politikern und Institutionen verlangt, dass sie vertrauenswürdiger werden sollten, sollte sich fragen, ob er selbst als gutes Beispiel in dieser Beziehung zu ihnen dienen kann.“ Letztlich sollten Bürger:innen bei aller Kritik am Staat eben auch ihre eigene Verantwortung anerkennen.
Anmerkung der Redaktion
Mareen Linnartz ist Journalistin und stellvertretende Leiterin für das Ressort Gesellschaft und Wochenende der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Zuvor war sie Redaktionsmitglied bei der FRANKFURTER RUNDSCHAU und der 2019 eingestellten Familienzeitschrift NIDO. 2016 übernahm Linnartz die Chefredaktion der wiederbelebten Zeitschrift ALLEGRA, die nach sechs Ausgaben jedoch wieder eingestellt wurde. Linnartz hat eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule absolviert.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (SZ) ist eine überregionale Tageszeitung aus München und gilt als eines der deutschen Leitmedien. Sie erscheint seit 1945 als Nachfolgerin der MÜNCHNER NEUESTEN NACHRICHTEN und ist besonders durch ihre „Seite Drei-Reportagen“ und die kritische Glosse „Streiflicht“ bekannt. Chefredakteurin ist Judith Wittwer. Mit einer verkauften Auflage von zuletzt rund 449.000 Exemplaren (IVW Q4/2025) hat sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum leicht an Lesenden gewonnen. Nach der BILD ist sie in Deutschland die am zweitmeisten verkaufte Tageszeitung. Die Website der SZ wurde im März 2026 31,6 Millionen Mal aufgerufen. Die Blattlinie der Zeitung gilt als linksliberal. Zusammen mit den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR und NDR hat die SZ einen investigativen Rechercheverband, der zahlreiche Recherchen veröffentlichte – unter anderem zu Steuerschlupflöchern oder über die Ibiza-Affäre um den damaligen FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache. Seit 2025 hat die SZ eine Partnerschaft mit dem US-Magazin THE ATLANTIC, bei der wöchentlich fünf Texte des Magazins im Original veröffentlicht werden. Für die Aufklärung über die sogenannten „Panama Papers“ erhielten SZ-Journalist:innen 2017 als einziges deutsches Medium einen Pulitzer-Preis für investigative Recherche. Anfang 2024 wurde berichtet, die Chefredaktion habe zur Aufdeckung möglicher Informanten Kommunikationsdaten von Redaktionsmitgliedern überprüfen lassen. Dies löste Kritik aus, unter anderem von Reporter ohne Grenzen, die einen Verstoß gegen den Quellenschutz bemängelten. Die SZ wird seit 1947 von der Süddeutschen Verlags GmbH produziert. Eine Mehrheit am Süddeutschen Verlag (81,3 Prozent) hält die Südwestdeutsche Medien Holding GmbH (SWMH). Weitere 18,8 Prozent entfallen auf die SV Friedmann Holding GmbH, die die Interessen der Münchner Verlegerfamilie Friedmann vertritt.
Originalartikel
Viele Deutsche haben kein Vertrauen mehr in die Politik – aber sie machen es sich oft zu einfach
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (SZ)
Mareen Linnartz 27.02.2025 ·
3 Minuten ·
Deutsch
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