Perspektive
zum Tagesthema vom 21. September 2021Ende der COVID-19-Maßnahmen: Viel Gegenwind für „Freedom Day“-Forderung in Deutschland
Warum ein Freedom Day erst im Mai 2022 realistisch ist
Die Perspektive in 30 Sekunden
Der Epidemiologe Alexander Kekulé glaubt nicht daran, dass das Ende aller Pandemiemaßnahmen bald bevorsteht. Das liege vor allem an mangelndem Vertrauen in die Verantwortlichen, wie er in seiner regelmäßigen Online-Kolumne für den
Ein „Impfen in die Freiheit“ hält Kekulé für eine Illusion. Ob man sich impfen lasse oder nicht, sei nämlich keine wissenschaftliche, sondern eine gesundheitliche und damit höchst subjektive Entscheidung. Wer für Vertrauen in die neuen Impfstoffe werben wolle, müsse deshalb selbst Vertrauen bei den Menschen genießen – insbesondere bei denen, die zweifeln oder noch unentschlossen sind. „Dass die Bundesregierung und ihre Berater in dieser Hinsicht bei einem Teil der Bevölkerung einen schweren Stand haben, ist nicht verwunderlich“, so Kekulé mit Verweis auf unterschiedliche Versäumnisse bei der Einschätzung und Bekämpfung der Pandemie.
Der Epidemiologe plädiert vor diesem Hintergrund dafür, in der bevorstehenden Erkältungssaison weiter auf die Methode „GGG plus Nachverfolgung“ zu setzen. „Auf dieser erfolgreichen Strategie, die in den meisten Bereichen ein halbwegs normales Sozial- und Wirtschaftsleben ermöglicht, beruht die derzeit günstige Inzidenz in Deutschland“, so Kekulé. „Wenn wir sie jetzt verlassen, riskieren wir erneute Schulschließungen und regionale Überlastungen der Krankenhäuser.“
Das zuzugeben, statt weiterhin Fehler als Erfolge zu verkaufen und die Illusion eines „Impfens in die Freiheit“ zu propagieren, könnte in den Augen Kekulés ein erster Schritt sein, um das Vertrauen in die Regierenden und ihre Berater zurückzugewinnen. „Wer sich gerne auf einen Freedom Day freuen und nicht enttäuscht werden möchte, sollte diesen sicherheitshalber erst für Ende Mai 2022 einplanen“, blickt Kekulé voraus. „Nach der bevorstehenden Erkältungssaison werden voraussichtlich genügend Menschen gegen das neue Virus immun sein, um nahezu alle Corona-Maßnahmen aufheben zu können.“
Anmerkung der Redaktion
Alexander S. Kekulé ist ein deutscher Mediziner, Epidemiologe, Biochemiker und Publizist. Seit 1999 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale). Kekulés Forschungsschwerpunkte sind Infektionskrankheiten, biologischer Bevölkerungsschutz, Bioethik und Influenza-Pandemieplanung. 2020 wurde Kekulé unter anderem von
Der
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Alexander Kekulé