Perspektive
zum Tagesthema vom 17. September 2021
„Manipuliert, beleidigt – und gewonnen“: Gemischte Reaktionen auf Einigung im Bahnkonflikt Lob
Weselsky kann sich des Dankes der Eisenbahner:innen sicher sein
Die Perspektive in 30 Sekunden
Für ND-Redakteur Martin Höfig ist GDL-Chef Claus Weselsky ein Gewerkschafter, der konsequent für die Belange der Angestellten kämpft. Für den nun erzielten Tarifabschluss mit der Deutschen Bahn könne sich Weselsky daher des Dankes der in der GDL organisierten Eisenbahner:innen sicher sein.
Immerhin habe er für sie eine Lohnerhöhung von insgesamt 3,3 Prozent herausgeholt – zusätzlich zu den „Corona-Prämien“. Zwar habe der GDL-Chef dafür auch zähneknirschend dem Tarifeinheitsgesetz (TEG) zustimmen müssen, das vorsieht, dass in den verschiedenen Betrieben der Deutschen Bahn jeweils der Tarifvertrag der Gewerkschaft gilt, die am meisten Mitglieder hat. In einigen Betrieben der Deutschen Bahn gilt demnach nach wie vor nicht der von der GDL ausgehandelte Vertrag, sondern der Vertrag, den die andere Gewerkschaft der Bahn, die EVG, zu einem früheren Zeitpunkt ausgehandelt hat. Aber immerhin machte Weselsky laut Höfig auch bei der Präsentation des Tarifabschlusses keinen Hehl daraus, dass er das Tarifseinheitsgesetz aus tiefstem Herzen ablehnt.
Das mag dazu beigetragen haben, dass Weselsky oft als egozentrischer Narr bezeichnet wurde, der die Gesellschaft für seine eigenen Interessen in Geiselhaft nehme, glaubt Höfig. „Dabei ist es doch genau umgekehrt“, findet er. Der ND-Redakteur sieht vielmehr den Bahn-Vorstand als Geiselnehmer. „Denn sie zwingen etwa mit ihrer Preispolitik der Gesellschaft einen Zustand auf, der letztlich nur ihr eigenes Profitinteresse befriedigt“, kritisiert er.
Anmerkung der Redaktion
Martin Höfig ist Journalist und Redakteur im Ressort Wirtschaft & Soziales bei der linken ND (ehemals NEUES DEUTSCHLAND). Der studierte Philosoph und Soziologe war vorher unter anderem als Reporter bei der MITTELDEUTSCHEN ZEITUNG tätig. Zentrale Schwerpunkte setzt Höfig bei klassisch linken Themen wie sozialer Umverteilung, Großkonzernen und prekären Beschäftigungsverhältnissen.
ND (ehemals NEUES DEUTSCHLAND) ist eine überregionale Tageszeitung, die einen „Journalismus von links“ vertritt. In ihrer Satzung bezeichnet sich die ND als „sozialistische Zeitung“. Sie wurde 1946 in Berlin gegründet. Zu DDR-Zeiten war sie das publizistische Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und gehörte nach der Wende der Partei PDS. Deren Nachfolgepartei DIE LINKE besaß bis Ende 2021 noch 50 Prozent der Anteile an der Zeitung. ND beschreibt sich selbst als Tageszeitung, „die mit linkem Ideengut über den Tellerrand des journalistischen Alltags hinausdenkt“. Man wolle sich für Menschenrechte und Minderheiten einsetzen und sei dem Kampf gegen Rassismus, Klassismus, Antisemitismus, Sexismus und Faschismus und für den Frieden verpflichtet. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung bescheinigt der Zeitung eine einseitige Berichterstattung: Marktwirtschaft sei „Kapitalismus“, westliche Außenpolitik „Imperialismus“. Außerdem sei die Zeitung DDR-nostalgisch. Nach eigenen Angaben hat die Zeitung 2022 600.000 Euro Verlust gemacht. Im Juni 2023 gab die Zeitung daher bekannt, akut gefährdet zu sein. Es folgten Kosteneinsparungen und eine Spendenkampagne, um ihr Überleben zu retten. Seit April 2026 erscheint die Tagesausgabe der Zeitung aus Kostengründen komplett digital. Einen Grund für die Misere sieht ND darin, dass die Zeitung seit 2022 von einer Genossenschaft herausgegeben wird. Damit gehört sie den Leser:innen und Mitarbeiter:innen aus Redaktion und Verlag und ist somit unabhängig von großen Unternehmen. Der neue Geschäftsführer, Gerd Stodiek, äußerte sich dazu: „Beim ›nd‹ ist ordentlich Druck auf dem Kessel. Da muss man innovativ sein und kann es sich nicht bequem machen.“ Er wolle mit der ND dem Rechtsruck in Deutschland entgegentreten. Die kollektive Redaktionsleitung besteht aus Regina Stölzel, Ines Wallrodt und Oliver Kern. Die Website der ND hatte im März 2026 745,7 Tausend Aufrufe (Quelle: Similarweb).
Originalartikel
Die Bahn als Geiselnehmerin
ND (NEUES DEUTSCHLAND)
Martin Höfig 16.09.2021 ·
1 Minute ·
Deutsch
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