Perspektive
zur Debatte vom 01. September 2021🗳 Sollte Hartz IV abgeschafft werden?
Hartz IV abzuschaffen würde die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben
Die Perspektive in 30 Sekunden
Es sei nachvollziehbar, dass einige Politiker:innen sich nun von Hartz-IV trennen wollen, räumt Politikjournalist Alan Posener ein. Dennoch sei die Forderung zu kurz gedacht. Denn wenn jetzt Hartz-IV abgeschafft und durch ein wesentlich höheres Brüger:innengeld ersetzt werde, dann koste das Arbeitsplätze. Und werde womöglich den Aufschwung „abwürgen“. Deshalb plädiert Posener in der ZEIT dafür, dass die Politik Hartz-IV beibehält und sich lieber darum kümmert, dass Vollbeschäftigung herrsche und alle Menschen Arbeit haben.
Posener kritisiert die Abkehr von Hartz-IV am Beispiel der SPD-Pläne. Die Sozialdemokrat:innen wollen, dass Menschen ohne Arbeit mehr „Vertrauen“ entgegengebracht werde. Vertrauen solle das Grundkonzept des neuen Bürger:innengeldes sein, dass die SPD einführen möchte. „Weniger Stock, mehr Karotte“, schreibt Posener. Kombiniert mit einem höheren Mindestlohn wolle die SPD so auf die Tatsache reagieren, dass immer mehr Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten. Er befürchtet jedoch, dass diese Strategie nicht aufgeht.
Diese Politik kann viele Arbeitsplätze kosten, kritisiert er. Denn sicher sei: ein Bürger:innengeld schaffe „keinen einzigen“ Arbeitsplatz. Wolle man Arbeitsplätze schaffen – „und zwar gut bezahlte“ – müsse man stattdessen Anreize schaffen. Für Posener ist das der Weg aus dem Niedriglohnsektor: nicht Bürger:innengeld, sondern wirtschaftlicher Aufschwung. Denn wenn Arbeitsplätze entstehen und Arbeitgeber:innen um Beschäftigte konkurrieren, steigen auch die Löhne, argumentiert er. Das sei „nicht bloß neoliberale Theorie“, sondern empirisch belegt. Ein Beispiel sei die USA, wo die Bürger:innen vor der Pandemie die niedrigste Arbeitslosenrate seit 50 Jahren genossen. Es sei „das Grundproblem jeder Sozialhilfe“, dass falsche Anreize gesetzt würden.
Anmerkung der Redaktion
Alan Posener ist Journalist und Buchautor. Er war lange Zeit Korrespondent der WELT-Gruppe und schreibt heute als freier Autor unter anderem für den Blog STARKE MEINUNGEN, für DIE ZEIT und die JÜDISCHE ALLGEMEINE. Der studierte Germanist und Anglist war während seiner Studienzeit Funktionär der maoistischen KPD, einer kommunistischen Gruppe, die aus der 68er-Bewegung hervorgegangen ist. Posener ist für seine kontroversen Standpunkte bekannt. In seinem 2009 erschienen Buch „Benedikts Kreuzzug“ hat er zum Beispiel harsche Kritik an der katholischen Kirche geübt. Er verteidigte außerdem auch immer wieder die Kolonialzeit und plädiert, dass nichts alles falsch gewesen sei. Bis 2009 war er ständiger Autor des rechtspopulistischen Blogs ACHSE DES GUTEN, ihm ist dort allerdings gekündigt worden. Laut eigener Aussage war der Grund für seine Entlassung, dass er „die dort herrschende Ideologie der Islamophobie“ infrage gestellt hatte.
DIE ZEIT ist die größte deutsche Wochenzeitung und hat ihren Sitz in Hamburg. DIE ZEIT erscheint seit 1946 und wurde von ihren ersten beiden Chefredakteuren Ernst Samhaber und Richard Küngel zunächst als rechtskonservatives Blatt ausgelegt. Erst in den 1960er Jahren wurde die Wochenzeitung durch Marion Gräfin Dönhoff und den langjährigen Chefredakteur Theo Sommer als liberales Medium ausgerichtet. Dönhoff prägte DIE ZEIT bis 2002 und hat sie von 1968 bis 1972 herausgegeben, ab 1983 gemeinsam mit Altkanzler Helmut Schmidt (SPD). In gesellschaftspolitischen Fragen gilt DIE ZEIT als grundsätzlich (links-)liberal, hat allerdings auch viele Gastbeiträge aus dem gesamten Meinungsspektrum oder stellt Beiträge mit gegensätzlichen Meinungen gegenüber. Der NDR urteilt, DIE ZEIT gelte als „Blatt der Akademiker und Intellektuellen“ – und sei damit durchaus erfolgreich. Tatsächlich gehört DIE ZEIT zu den wenigen deutschsprachigen Printmedien, die seit der Digitalisierung an Auflage gewonnen haben. Zuletzt lag die verkaufte Auflage bei rund 625.000 Exemplaren (IVW Q2/2025). Chefredakteure sind Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner.
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