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Perspektive

zur Debatte vom 01. September 2021
🗳 Sollte Hartz IV abgeschafft werden?
ARGUMENTE AUS DEN MEDIEN

Hartz IV wirkt wie ein Stigma für Betroffene

Die Perspektive in 30 Sekunden

Wohl kein anderer Begriff aus der Bürokratie hat so stark Einzug in die Umgangssprache der Deutschen gefunden wie Hartz IV. Hartz IV verstehen viele Menschen als Synonym für Armut, für Unterschicht und für soziale Isolation. Das Verb „hartzen“ und die Bezeichnung „Hartzer“ versteht jeder Teenager. Gemeint ist faulenzen und rumhängen. Wie problematisch dieses Stereotyp ist, hat eine Studie der Universität Jena herausgefunden. Hartz IV sei „vergleichbar mit dem schwarzer Hautfarbe im Süden der USA“, sagt der Jenaer Arbeitssoziologe im Gespräch mit der DEUTSCHEN PRESSE-AGENTUR (dpa), das in der AUGSBURGER ALLGEMEINEN veröffentlicht worden ist.

Hartz IV stigmatisiere. Das hat Dörre mit einer Studie an der Universität Jena herausgefunden: „In der Gesellschaft als ‚Hartzi‘ identifiziert zu werden, ist ähnlich wie dunkle Hautfarbe zu haben im Süden der USA“, sagt der Jenaer Arbeitssoziologe Klaus Dörre. Die Betroffenen empfänden den Status auf Hartz-IV angewiesen zu sein als Kränkung. Es sei ein Stigma, „das an einem haftet, das man nicht los wird und mit dem man in Alltagssituationen immer wieder konfrontiert wird“, berichtet Dörre.

In der qualitativen Untersuchung der Universität Jena wurden Hartz-IV-Bezieher:innen über einen Zeitraum von sieben Jahren wiederholt befragt. Die Ergebnisse zeigten nicht nur, dass Hartz-IV stigmatisiere. Sondern auch, dass dieses Stigma zu einer Passivität und Lähmung bei Betroffenen führe, berichtet der Soziologe. Die Idee, dass die Sanktionen im Hartz-IV-System aktivierend wirkten, gehe nicht auf: „Den Sprung aus dem Leistungsbezug haben ganz, ganz wenige in unserem Sample geschafft. In den sieben Jahren haben wir bei manchen zehn, zwölf Stationen – Ein-Euro-Job, Praktikum und Ähnliches – am Ende ist man aber immer wieder im Leistungsbezug“, sagt Dörre.
Die Abschaffung von Hartz IV könnnte demnach auch bedeuten, ein längst überfällige Stigma loszuwerden und für Menschen einen besseren Wiedereinstieg ins Arbeitsleben möglich zu machen, meint er.

Anmerkung der Redaktion

ist ein deutscher Soziologe. Er hatte von 2001 bis 2006 die Position als Geschäftsführender Direktor des Forschungsinstituts Arbeit, Bildung, Partizipation an der Ruhr-Universität Bochum inne. Seit 2005 ist Dörre Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Dörre beschäftigt sich in seiner Arbeit unter anderem kritisch mit dem Finanzmarkt Kapitalismus.

Die AUGSBURGER ALLGEMEINE ist eine der größten bayerischen Lokalzeitungen. Sie gehört zur Mediengruppe Pressedruck, die nach Gesamtauflage das bundesweit sechstgrößte Verlagshaus ist. Das Hauptverbreitungsgebiet der AUGSBURGER ALLGEMEINEN ist das bayerische Schwaben und die angrenzenden Teile Oberbayerns. Die verkaufte Auflage der Hauptausgabe ist seit einigen Jahren rückläufig und beträgt gegenwärtig rund 69.000 Exemplare (IVW Q4/2025). Die Redaktionen und Journalist:innen der AUGSBURGER ALLGEMEINEN haben einige Journalistenpreise gewonnen, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis und den European Newspaper Award. Chefredakteure der Zeitung sind Andrea Kümpfbeck und Peter Müller.

Originalartikel
Hartz IV wirkt für Betroffene wie ein Stigma
AUGSBURGER ALLGEMEINEKlaus Dörre
16.11.2013 · 3 Minuten · Deutsch
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