Perspektive
zur Debatte vom 01. September 2021🗳 Sollten Krankenhäuser weiterhin privat betrieben werden dürfen?
Das Profitinteresse führt zu niedrigen Löhnen und akutem Personalmangel
Die Perspektive in 30 Sekunden
Samirah Kenawi ist besorgt über die seit Jahrzehnten zunehmende Privatisierung von Kliniken. In einem Gastbeitrag für das HANDELSBLATT argumentiert die Forstwissenschaftlerin und Suchende nach gesellschaftlichen Alternativen zur bestehenden Wirtschaftsordnung, dass die Privatisierung von Krankenhäusern schlechte Arbeitsbedingungen und damit einen akuten Personalmangel zur Folge hat. Mit direkten Auswirkungen auf die medizinische Grundversorgung, was während der COVID-19-Pandemie schmerzhaft zu spüren gewesen sei.
Das Hauptproblem der Privatisierung von Kliniken ist aus Sicht Kenawis das Profitinteresse, das in nicht in Einklang zu bringendem Konflikt mit dem Bedürfnis nach Überkapazitäten bei der Krankenversorgung in Krisenzeiten und dem berechtigten Interesse nach höheren Löhnen für Mediziner:innen und Pflegekräfte steht. Das Profitinteresse führe zu Kostensenkungen und einer Sparpolitik bei den Löhnen.
Zudem geraten medizinische Interessen in den Hintergrund, kritisiert sie. Personal, das zwischendurch auch Zeit für ein Gespräch mit Patient:innen hat, gebe es nicht mehr. „Das kostet Geld, statt Einnahmen zu schaffen“, kritisiert sie das Profitinteresse. Die Crux dabei: Diese Methode stehe dabei selbst im Widerspruch zu den Regeln des freien Marktes und der Regulation durch Angebot und Nachfrage. Denn danach müssten die Löhne eigentlich so lange steigen – und sich die Arbeitsbedingungen demnach so lange verbessern –, bis sich genügend Arbeitskräfte finden und der akute Personalmangel beseitigt wäre, stellt Kenawi frustiert fest.
Anmerkung der Redaktion
Samirah Kenawi ist Forstwissenschaftlerin und Wirtschaftskritikerin. Sie beschäftigt sich mit Geldmartkpolitik, deren Steuerungsmethoden und den Interessen der Menschen und Unternehmen, die davon profitieren. In der DDR war sie Teil der Frauenbewegung und hat später das Dokumentationsarchiv „Archiv Grau Zone“ gegründet, das die Arbeit nichtstaatlicher Frauengruppen in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre dokumentiert.
Das HANDELSBLATT ist die auflagenstärkste deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzzeitung. Sie wird zu den Leitmedien gezählt, also zu denen, die einen besonderen Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben. Sie erschien erstmals 1946 mit der Auflage der britischen Militärbehörden, das „friedliche Zusammenspiel von Arbeit und Kapital“ journalistisch im Einklang zu halten. Die Blattlinie des HANDELSBLATTS wird üblicherweise als wirtschaftsliberal angesehen. Das HANDELSBLATT finanziert sich durch Abonnements, Printverkäufe und Werbung. Es hat zwei Online-Bezahl-Modelle: „Premium“ und „Premium Plus“ und hostet außerdem Live-Events in Form von Tagungen, Trainings und Konferenzen. Die verkaufte Auflage des HANDELSBLATT liegt bei knapp 158.000 Exemplaren (IVW Q3/2025).
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Samirah Kenawi